Damals war´s
November 25, 2007 von nordstrahl
Mitunter kehren längst vergessene Erlebnisse erst wieder ins Bewusstsein zurück, wenn ihnen mit einem bestimmten Schlagwort auf die Sprünge geholfen wird. Bis dahin schlummern sie in der Dunkelheit des Gehirns und bleiben jahrzehntelang unbeachtet bis ein Codewort den Zugang zur Erinnerung möglich macht. Es öffnet sich quietschend eine Tür in die Vergangenheit und vor den Augen entsteht eine längst vergangen Zeit noch einmal so klar, als wäre es gestern gewesen.
Eine längst vergessene Geschichte kam wieder in meine Erinnerung zurück, als ich erfuhr, dass Kalle ein Heidelberger ist. Heidelberg, eine Stadt, die ich bisher noch nicht einmal mit dem Finger auf der Landkarte besuchte und doch kannte ich sie schon aus einem alten Schlager , der, wie ich nach einer Recherche im Internet erfuhr, aus den 20iger Jahren stammt.„Ich hab mein Herz in Heidelberg verloren“ das Liebeslied wurde damals oft von den Radiosendern gespielt und drang auch bis zu uns in den Osten durch.
Das war die Zeit, als ich kein Kind mehr war, aber auch noch nicht erwachsen. Damals nannte man uns„Backfische“ und uns stand die Welt noch offen. Meine Welt war damals noch klein, sehr klein. Sie überragte kaum die Dorfgrenze und die nächste Kreisstadt hatte in meinen Augen die Größenordnung einer Großstadt. Das Leben im Dorf lief immer in den selben Bahnen, mit den selben Gesichtern und den stets wiederkehrenden dörflichen Ereignissen. Schon als Kind kannten wir unsere Pappenheimer im Dorf und die soziale Einteilung der Dorfbewohner nahm jeder aus seinem Status heraus vor. So gab es aus meiner Sicht respektable Mitbewohner und andere wieder grüßte ich nur, weil die Höflichkeit es von mir verlangte. Das Leben auf den Dorf hatte eine klare Ordnung, die sich so leicht durch nichts erschüttern lies.
Es war die Zeit, als die Medien im Leben der Menschen nur eine geringe Rolle spielte. Gab es im Fernsehen mal einen guten Film, dann tauschte die Dorfgemeinde sich bis zum nächsten guten Film darüber aus.
Doch einmal im Jahr drohte diese Ordnung komplett aus dem Ruder zu geraten. Das war im Spätsommer, die Zeit der Ernte. Die technische Ausstattung der Landwirtschaft steckte noch in den Kinderschuhen und so konnte die Ernte nur mit Erntehelfer eingebracht werden. Die LPG´n – so nannte man die landwirtschaftlichen Genossenschaften - konnten die Erntehelfer von der Armee anfordern und so kam es, dass unser Dorf für ein paar Tage und Nächte von Soldaten bevölkert wurde.
Alles junge Männer, einer schöner als der andere und in ihren Armeeuniform hatten sie eine anziehende Ausstrahlung auf uns Backfische. Unsere Herzen schlugen schon bis zum Hals, wenn wir nur vor die Haustür gingen. Die Jungen im Dorf hatten für diese Zeit einen schweren Stand, weil keins von uns Mädels ihnen einen Blick für sie übrig hatte. Unsere Augen waren nur auf die fremden Männer gerichtet, die braun gebrannt und in lockerer Uniform auf den Feldern arbeiteten oder durch das Dorf gingen.
Das war die Zeit, in der ich 3x am Tag meine Garderobe wechselte und es war egal ob es eine Straße oder Feldweg war, ohne Pumps ging keine von uns Mädels aus dem Haus. Wir gingen dort in besten Sonntagsstaat und den Hochhackigen spazieren, wo wir sonst nicht einmal im Traum hin gegangen wären, am Feldrand zwischen Unkraut und den arbeitenden Soldaten. Das war die Zeit, als die Eltern ihre Arbeit stehen und liegen lassen mussten um nach ihren jungen Töchtern Ausschau zu halten und sie, wenn es nötig war, an den Ohren wieder nach Haus ziehen.
Nach ein paar Tagen knisterte es im Dorf an allen Ecken und Enden. Abends huschten Liebespärchen durch die Dämmerung der noch warmen Abende und viele Väter waren unterwegs um ihre Töchter wieder einzufangen. Doch irgendwann war auch die größte Ernte eingebracht und die Soldaten wurden mit einem Dorftanz verabschiedet. Eine Dorfband spielte auf und wir tanzten im Saal der Dorfkneipe.
Ich weiß nicht mehr genau, wie alt ich damals war – ich glaube so zwischen 14 und 16 Jahren musste ich gewesen sein. Nach vielen Spaziergängen im besten Sonntagsstaat hatte mich endlich auch ein Soldat bemerkt. Mit meinen 1,54 cm Körpergröße war es für mich nicht einfach zwischen all den groß gewachsenen Mädchen überhaupt aufzufallen. Meinst wurde ich als Küken abgetan und so blieb ich bis auf diesen einen Sommer unentdeckt. Und das lies mein Herz schneller schlagen – jeder Herzschlag spornte meine Fantasie weiter an und ich putze mich zum Dorftanz mit großen Aufwand raus. Ich spürte den Blick des Soldaten schon aus der Ferne, wir waren fast in Augenhöhe.
Im Dorfsaal war der Tanz schon im vollen Gange und die Soldaten trugen ihre weiß-blauen Sommeruniformen. Der letzte Abend, am nächsten Tag mussten sie wieder in ihre Kasernen zurück. Mit großem Herzen wartete ich – innerlich ungeduldig – darauf, dass mein Verehrer mich zum Tanz auffordern wird. Als er dann wirklich vor mir stand, blieb mein Herz stehen und wie in Nebel gehüllt tanzte ich mit ihm durch den Abend. Und wenn es eine Tanzpause gab, sang er für mich in der Melodie „Ich hab mein Herz in Heidelberg verloren“ in abgewandelter Form „Ich hab mein Herz in Patzig verloren“. Er warb um mich mit einem Liebeslied und lies damit mein Herz schmelzen, bis es flüssig geworden in seiner Hand lang.
Es war der letzte Abend und die letzte Chance für eine Annäherung und einen ersten Kuss. Die Spannung stieg in jeder Beziehung und mit jeder vorgerückten Stunde. Die Zeit verging, viel zu schnell für die Anbahnung zum erste Kuss.
Es war 22 Uhr, als der ABV – heut sagt man Dorfsherif – den Saal betrat und auf die Bühne ging. Die Dorfkapelle überlies ihm für eine kurze Durchsage das Mikrofon: „Alle Jugendlich unter 16 Jahre müssen jetzt den Saal verlassen“ So verlangte es das Jungendschutzgesetz, dass ich damals mehr als verfluchte.
Wie sollte ich den ersten Kuss jetzt über die Bühne bringen? Aber die Nacht ist dunkel und der ABV konnte mich draußen nicht vom Platz verweisen und nach Hause bringen. Und so verlies ich zwar artig den Saal und mit mir der Soldat, der sein Herz ja in Patzig verloren hatte. Innerlich knisternd erwartete ich den ersten Kuss von einem fremden Mann. Als ich vor der Tür ankam, stand mein Vater schon da und nahm mich nahtlos unter seine Fittiche. So musste ich an dem Abend ohne den ersten Kuss in den Schlaf kommen.
Jahre später brachte die LPG ihre Ernte mit Hilfe der Technik ein und konnte auf die Erntehelfer verzichten.



hallo Nordstrahl,
bin durch Kalle auf deinem blog gelandet und habe mich mal ein bisschen bei dir umgesehen. deine seite ist interessant und ich lese gern hier. werde dich bestimmt noch oefters besuchen, denn ich mag deine art wie du schreibst und erzaehlen kannst.
liebe gruesse
Samantha (Sammy)
Hallo Sammy,
hier hast du eine alte Erinnerung erwischt, die indirekt etwas mit heidelberg zu tun hatte. Und Kalle - ein Heidelberger - hatte mich wieder daran erinnert.
Ich danke dir nochmal für deine freundlichen Worte
Gruß Nordstrahl