Betrug


Heut sprachen wir wieder länger mit einander. Eigentlich tun wir es in der Regel jedes mal, wenn mir miteinander telefonieren. Und es ist für mich noch immer spannend, mich mit meinem Vater zu unterhalten. Das ist nicht nur ein Plausch von alten Zeiten, weil die neuen Zeiten kein Fuß in seinem Kopf mehr fassen wollen. Über alles, was in der Welt passiert, ist mein Vater bestens informiert, auch was die Hintergründe vieler Geschehnisse betrifft.

Hier auf dem Bild ist mein Vater noch jung,  sehr jung - es wurde in den 50iger Jahren gemacht. Damals stand er am noch Anfang seines Lebens, als er unsere Familie gründet. Er steht hinter unserem neu erbauten Haus. Er lebt heut noch darin und erzählt von dem Abenteure der damalitgen Bauweise. Das Haus kann heut noch von damals erzählen. Als dieses Bild gemacht wurde war erst mitte Zwanzig und hatte doch schon bewegende Zeiten hinter sich. Die Armut der Weimarer Republik und den 2.Weltkrieg. Ein junger Mensch eben, der schon alles gesehen und erlebt hat, was menschliche Abgründe betrifft.

Es dauerte heut auch nicht lange, denn die Frage brannte mir schon auf der Zunge, bis ich sie ihm stellte. “Sag mal, Papa, was hälst du von dem, was Eva Herman in der letzten Woche zu besten gab?” fragte ich neugierig. Ich bin in der Tat immer sehr neugierig, was mein Vater von den Ereignissen hält, die mich bewegen. “Ach” sagte er “Mädchen (so nennt er mich) ich bin ja so enttäuscht von dieser Frau”.

Das soll was heißen, ein Mann, 83 Jahre, der schon viel gesehen, erlebt und hat sehen müssen hat auch viel Verständis für menschliche Schwächen. ”Das ist so eine gebildete Frau und Journalistin und erzählt so einen Blödsinn. Wo hat sie das bloß gelesen? und was hat sie sich bloß dabei gedacht?” fragt er sich selber.

Und dann erklärt er mir, was es mit der Familienpolitik von Hitler auf sich hatte. “Hitler brauchte Nachwuchs für seine Armee und die konnte er über seine Familienpolitik gewinnen. Zum Ansporn für die Familien gab es die Mütterkreuze und gute Geld. Die Mütterkreuze waren den Familien nicht so wichtig. Sie wollten das Geld. Zulange lebten sie in Armut, sie verringerte sich mit jedem Neugeborene” “Dann war die Familienpolitik eine taktischer Zug um für die Armee genügend Nachschub zu bekommen?” fragte ich bei meinem Vater noch einmal nach. “Ja, Hitler brauchte die Soldaten.”

Ich glaube Eva Herman hätte klüger gehandelt, wenn sie sich mit den Alten unterhalten hätte, mit denen, die für Hitler in den Krieg ziehen mußten und Menschen vor ihren Augen haben sterben sehen müssen, wie es mein Vater und viele andere Männer aus dieser Zeit tun mußten. Und die Geschichtsschreiber haben nicht verschwiegen, das am Ende des Krieges Hitler sich nicht scheute, die Jugendlichen ab 16 Jahre im verlorenen Krieg verheizten.

Der Sohn von Eva Herman ist jetzt 10 Jahre alt und sie wird es sich wohl kaum vorstellen können, dass in 6 Jahren ihr Sohn in einen Krieg für eine Menschenfeindliche Politik ziehen muß. Vielleicht aber sollte sie diese und ähnliche Erschütterungen doch mal am eigenen Leibe spüren, damit sie versteht, was sich mit ein paar rausgefluschten(?) Worten vielen Menschen wieder ins Bewußtsein gerufen hat.

“Die Gefahr ist noch lange nicht gebannt”

Eva Herman hat es uns mit ihren Ausrutscher gezeigt.

Gestern abend zog ich mich mit einem Thriller zurück in mein Bett. Spannung und Grusel als Lektüre ist eine willkommene Unterhaltung.

Doch die Schlagzeile “Ein fast perfekte Verbrechen” reißt mich aus der Unterhaltungslaune und konfrontieren mich mit harten Tatsachen aus dem realen Leben.  Perfekt vorbeitet und durchgezogen haben die mutnaßlichen Täter den Mord an Nikolaus Geyer, einem Berliner Fotografen: Mit einem Baseballschläger hat man ihn brutal erschlagen. Die Tatmotive sollen Hass, Wut und Eifersucht sein. “Seine Lebensgefährtin habe vor Jahren eine enge Beziehung zu dem Opfer gehabt” so vermutet man in der Anklageschrift.

Oh mein Gott - welcher Mensch nimmt sich so ein Recht raus und löscht das Leben eines anderen aus, nur weil seine Freundin jemand vor ihm hatte.

Die Internetseite von Niklolaus Geyer steht schon seit zwei Jahren still, denn es fällt darin kein Wort von seinem Ableben. Ich sah darin ein Bild von einen zerbrechlich scheinenden Menschen.

Ja, wenn ein Thriller real wird, dann entsteht daraus der reinste Horror.

Bild: Screenshot aus “Die Straße des Gustav Adolf Schur”
Foto: DFF vom 28.04.1968 (IDNR 044269)

Täve Schur - eine Radsportlegende aus DDR-Zeiten. Im Februar wurde er 76.  Ein guter Anlaß, Täve mal wieder in ein Studio einzuladen. Legenden höre ich gern zu - sie haben geschafft, was andere noch vor sich haben, sie haben die Erfahrung, die andere noch machen wollen. Sie sehen entspannt aus und das nicht zuletzt, weil im Alter sich viele Lebenseinstellungen relativieren. 

Aber auch Vergleiche von alten und neuen Zeiten machen deutlich, was sich im Laufe eines Menschenlebens alles verändern kann. Während die technische Entwicklung weit über das damals Vorstellbare hinaus gewachsen ist, blieben viele menschliche Werte auf der Strecke.

Die Spitzensportler von damals - fast jeder kann sich heut noch zeigen,  muß sich wegen Dopingskandale den Rest des Lebens nicht verstecken.

Ihre Vorbildrolle wirkt bis ins Alter hinein. Das ist das, was die orientiertungslose Jugend heut sucht und  braucht - Vorbilder ohne doppelten Boden.

Doch die Welt hat sich seit damals gewandelt.

Eingeteilt in Gewinner, die im Glanz des Lebens stehen und Verlierer, die im Schatten der Sonne stehen, kämpft jeder, der den Drang verspürt um den Platz in der gesellschaftlichen Sonne. Doch die Plätze an der Sonne sind nicht nur rar, sondern oft nur mit unlauteren Mitteln erreichbar.

“Die Ersten Drei stehen auf dem Podium und für die anderen ist Sense”

sinngemäß zitiert von Täve Schur. Und auch wer auf dem Podium stand, kann plötzlich Sense sein, wie das jüngste Beispiel eines Radsportlers - Jan Ullrich - zeigte.

Ich hab einige Argumente zur Rechtfertigung zur Gewalt in verschiedenen Kommentaren gelesen.  Von der Argumentation ähnlich aufgezogen, wie die Argumente der jungen Frau, die das Video kommentierte. Sie haben etwas gemeinsames.
Sie legen klug ausgewählte, auf soziale Brennpunkte gerichtete Argumente für die Rechtfertigung ihrer Gewaltbereitschaft in die Spur. Das das Selbstbetrug ist, übersehen sie großzügig.

Wenn ich ihre Worte lese oder höre, schiebt sich in mir der Blutdruck und auch eine kleine Aggressionswelle hoch und ich verspüre das Bedürrfnis, einfach nur dagegen zu halten. Aber das war es dann auch schon für mich. Es dauert noch etwas, bis die Gegenargumentation sich aus meinen Gedankengängen verflogen sind.

Doch wer ein hoches Potential Aggression in sich trägt und sich dessen nicht bewußt ist, der wird immer nach einem Spannungsfeld suchen, in dem er seine Gewaltbereitschaft ausleben kann.

Es liest sich vielleicht jetzt etwas weit her geholt, doch bringe ich diesen Gedankengang jetzt mit ins Spiel.

Bei meiner täglichen Arbeit im Kindertraining erlebe ich die Anfänge dieser Gewaltbereitschaft noch im Kleinformat. In bestimmten Stadtteilen stecken einige Kinder -  aus welchen Gründen auch immer - bis zum Hals in Aggressionen. Es dauert nur wenige Minuten, bis die wenigen sich zusammnegefunden haben, die ihrer (unbewußten Aggression) Luft machen wollen. Dann dauert es nur noch kurze Zeit - nachdem die Gemüter sich erhitzt haben - und ich hab die ersten Schlägereien in der Sporthalle. Sind die kleinen Gewaltbereiten erst angetippt worden, öffnet sich das Ventil ihrer Aggression und sie finden kein Ende mehr. Sie kleben zusammen, als trügen sie gegenpolige Magnete in sich.
Eine Regulierung der aufkommenden Aggression durch den Trainer bringt immer wieder die selben Verteidigungsargumente hervor - “Der hat angefanden”.
Es gelingt mir zwar, den einen oder anderen so einzuschüchtern, dass er sich für den Rest der Stunde zurück hält, doch damit hebe ich die heranwachsende Aggression nicht auf. Ich weiß, bei der nächsten Gelegenheit geht es weiter.

Die Weiterdelegierung der Schuld - die sich aus ihrer Gewaltbereitschaft ergab - auf die Anderen ist typisch für die Ausraster. Die Ursache für ihre Aggression ist vielfältig. Doch einige von ihnen werden sich irgendwann ein Pool suchen, in dem alle ein ähnliches Potential haben. Die Hemmschwellen zur Gewalt sinkt weiter nach unten.

Ich sah die ausführenden Autonomen in Rostock - sie kamen ja auf mich zu (da waren sie ja schon auf der Flucht). Die, die ich sah - das waren Jungs - noch grün hinter den Ohren, haben vielleicht außer Zerstörung in ihrem Leben noch nichts geleistet.

Aber warum die jungen Menschen diesen Weg der Gewalt im großen Stil wählen und damit vielleicht sogar Menschenleben anderer gefährden, dafür kann es auch viele Gründe geben. Vielleicht kann eins Grund sein, dass unsere Wohlstandsgesellschaft zum Beispiel traditionell und emotional verarmt.

Ich sehe darin eine andere aber nicht weniger gefährliche Form einer neuen Armut unserer Wohlstandsgesellschaft.

Eine Ankündigung für Akte24 im Sat 1 lies mich aufhorchen. Es war von Anzocke Jugendlicher die Rede - Abzocke übers Internet. Eine Abofalle mit 2 Jahresvetrag und 12 Monate Vorauszahlung. Das heißt - ein Klick - macht 84 Euro.
Es war Sommer 06 und meine Kohle war durch berufliche Umstellung besonders knapp. Doch auch die schwierigsten Zeiten lassen sich überstehen, wenn die Kohle klug eingeteilt wird, naja und die vielen Dinge, die der Mensch sowieso nicht braucht, mußte ich mir ja auch nicht sein.
Ja in dem letzten heißen Sommer finde ich einen dicken Brief im Briefkasten. Eine Brief von einem Rechtsanwalt an meinen Sohn
Oh …shit, was wird das? Was hat er angestellt?
“Hallo mein Kind, du hast Post” und ich übergebe ihm den heißen Brief.
Mein Sohn - 16 Jahre, er öffnet den Brief und versteht nicht, warum der Rechtsanwalt 123 € von ihm haben will. Und was er nicht versteht, gibt es in seiner Welt nicht.
Doch ich werfe ihm schon meinen Vorwürfe um die Ohren, dass es nur so raucht.
“Was hast du gemacht?”
“Das kannst du doch nicht machen!”
“Woher soll ich das Geld bis zur nächsten Woche nehmen?”
Mit diesen und anderen Formulierungen mache ich ihm den nächlichen Klick madig und ein schlechtes Gewissen. Mein Sohn wehrt sich.
Doch das hilft nichts.
Ein Brief von einem Rechtsanwalt, das geht in die Kosten und schnell kann aus einem banalen Betrag eine hohe Summe werden.
Die Anwaltsbrief enthält eine Drohung - “Wenn sie ihr Alter falsch angegeben haben und doch noch keine 18 Jahre sind, dann können sie wegen Betruges belangt werden”
“Welches Alter hast du eingetragen” bevor sich meine Stimme überschreit, wird sie schmerzhaft schrill.
“Das weiß ich nicht mehr” mein Sohn wehrt sich weiter.
“Wie, das weiß du nicht mehr? Weißt du überhaupt, was du machst?” verstärke ich sein schlechtes Gewissen. Mein Ärger schäumt über, weiß nicht, wo ich jetzt so aus dem Hüfte 123 € hervorzaubern soll.
Ganz dumpf wird ist mir klar, das können nur Abzocker sein. Doch meine Angst vor einer Kostenfalle ich größer. Ich rufe die Hotline der Internetseite an, die auf IHR Geld wartet. Eine nette freundliche Stimme am Telefon weißt mich gleich darauf hin, das es sich um eine Plattform handelt, die nur für 18 Jährige gemacht ist. Sie schaut während des Telefonats noch in die Anmeldung und nennt mir das angegeben Geburtsdatum - es ist 2 Jahre nach oben geschraubt.
Schuldbewußt lege ich den Hörer auf und zahle das Geld. Mein Sohn ein Betrüger - da kann ich nichts machen - “Eltern haften für ihre Kinder”.
Doch kann ich den bitteren Nachheschmack, dass es sich um eine Falle handelt nicht los werden.
4 Wochen später erhält mein Sohn wieder einen Brief. Wieder von einem Rechtsanwalt, wieder der selbe SchuldBetrag, wieder der selbe Wortlaut. Das kann doch nicht sein, es ist doch alles bezahlt.
Als sich die erste Aufregung gelegt hat, erkenne ich erst den kleinen Unterschied - der Name meines Sohnes ist geringfügig geändert worden. Aus einen Buchstaben einen Doopelbuchstaben - das ändert am Wortlaut nichts und der Brief bleibt noch zustellbar.
Jetzt ist mir klar - mein Sohn ist in eine Internetfalle getappt und meine Zahlungsmoral wurde mir hier zum Verhängnis.
Schmidtlein - Tank räumt schamlos ab
Schmidtlein sind die Brüder und haben sich viele Internetplattformen geschaffen, die ihnen massenhaft Jugendlichen zuschanzen.Tank ist der Rechtsanwalt, der die betrügersichen Handlungen der beiden juristisch - sprich Drohbriefe an die Jugendlichen - unterstützt.
Dabei kommt mir in den Sinn “Im Mittelalter wurden betrügerischen Händlern die Hand abgehackt”
Ich hab selten blutrünstige Gedanken, doch wenn auf betrügersiche Weise mein ehrlich verdientes Geld abgenommen wird, dann läßt sich auch der Gedanke nicht mehr unterdrücken.
Gestern erfuhr ich über Akte24 - den beiden Betrügerbrüder geht es nach langen Untersuchungen an den Kragen. Sie müssen ihre Gewinne aus den vielen Internetseiten nachweisen, die die Jugendlichen auf ihre Plattform lockten. Der Gewinn - erschlichenes Geld - es muß an den Bundesgerichtshof überweisen werden - Ihr Umsatz im Betrugsgeschäft wird auf mehrere Millionen geschätzt.
Endlich - endlich - ich werde den bitteren Nachgeschmack los - denn jetzt müssen die beiden ihre Rechnung zahlen.

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