Februar 2, 2008
Vor ein paar Wochen kam eine Teilnehmerin in meine Yogagruppe. Sie sprach gebrochen Deutsch und ich konnte nur mit Konzentration ihren Worten folgen. Sie erzählte, dass sie schon lange unter Schlafproblemen litt und nach Wegen der Entspannung suchte.
Entspannung, das ist der Hauptgrund, warum einige das Angebot Yoga nutzen wollen. Doch auf Yogaübungen reagiert der Körper mitunter auf seine Weise. Und warum das so ist, möchten die Teilnehmer dann von mir wissen. Nach einer Stunde kam auch sie noch einmal zu mir und ich spürte, dass ihre Fragen weiter gingen, als über die körperliche Reaktion hinaus.
Und es dauerte eine Weile bis wir zum Kern ihrer Frage vorgedrungen waren, Fragen, die sie nachts so bedrückte, dass sie nicht schlafen konnte. Als Wolgadeutsche wurde sie von ihren damailigen Landsleuten in der alten Heimat nicht anerkannt. Sie konnte niemanden erzählen, dass ihre Oma ein Deutsche war, ohne dass man sie ausschloß. An der Wolga wuchs sie mit der Hoffnung im Herzen auf, irgendwann in Deutschland eine Heimat zu finden. Nach der Grenzöffnung wanderte sie nach Deutschland aus. Doch auch hier in Deutschland fand sie keine Akzeptanz. Sie wurde wie eine Ausländerin behandelt.
Jetzt ist sie Rentnerin und mußte erkennen, das sie noch immer keine Heimat gefunden hatte. Sie verbrachte ihr Leben ohne nationales Zugehörigkeitsgefühl. Es war egal, wo sie lebte, sie wurde als Ausländerin angesehen.
Die Situation der Wolgadeutschen hab ich bis dahin noch nie so gesehen, wie sie mir in dem Gespräch mit der Teilnehmerin klar wurde. Ich kann kaum nachvollziehen, wie ein Mensch sich fühlt, der bis zu seinem Rentenalter noch keine Heimat fand. Ich kann nur verstehen, was ich selber erfahren habe und doch suchte ich nach einer Antwort für mich und für sie.
Doch welche Antwort kann eine Sehnsucht nach einer Heimat stillen?
Was oder wo ist überhaupt meine Heimat?
Ist sie an einem Ort gebunden oder hat das Heimatgefühl was mit mir zu tun?
Ist vielleicht dort meine Heimat, wo mein Herz zu Haus ist?
Oder ist mein Herz meine Heimat, mein zu Haus?
“Wir können die äußere Welt nicht ändern” riet ich ihr “doch wir können unsere innere Einstellung zur äußeren Welt ändern. Die anderen, die dich damals und heut als Ausländerin sahen, wußten es vielleicht nicht besser und konnten nicht anders. Sie handelten dir gegenüber aus ihren Wissen, aus ihren Erfahrungen und aus ihrer Sicht heraus. Wenn du deine Einstellung zu diesen Menschen überdenkst und vielleicht ändern kannst, dann findest du vielleicht auch zu deiner inneren Heimat und deinen inneren Frieden zurück”. Die Teilnehmerin verabschiedete erleichtert unser Gespräch.
Die Veränderung der inneren Einstellung ist als Rat natürlich schnell gegeben, doch ihn selber umsetzten ist eine andere Sache, verlangt er ja, ein Problem aus Distanz und abgekoppelten Emotionen zu betrachten. Für mich heißt das, den Übergang von Haus und Hof ebenfalls aus Distanz zu betrachten.
