Meine Emotionen schlagen Wellen und gegen eine Brandung, die höher ist, als ich annahm. Stets rollen sie unsichtbar für mich aus Tiefe meiner Seele empor und überschütten mein Gesicht mit Tränen. Will ich nicht weinen, kann ich nicht schlafen, will ich weinen, kann ich auch nicht schlafen. Das Leben meiner Kinder- und Jugendjahre zieht unter Tränen an mir vorbei. Vorbei ziehen auch die ersten Jahre meines selbstständigen Lebens, in denen ich öfter meine Eltern brauchte, als meine anderen Geschwister. Am weitesten vom Elternhaus weggezogen, war mein Heimweh nach der Heimat für viele Jahre unstillbar.

Mein Elternhaus - in Mühe von meinem Vater Anfang der 50iger- Jahre erbaut - steht das erste mal seit seiner Erbauung vor 55 Jahren leer. Noch nie war es so lange ohne Menschen, ohne seiner Bewohner, ohne seinen letzten Bewohner, meinem Vater. Sein körperlicher Zusammenbruch vor 3 Wochen setzt die Zeichen so deutlich, das auch das sonnigste Gemüt das kommende Ende eines arbeitsreichen Lebens nicht ignorieren kann. Auch mein sonniges Gemüt überschattet sich von Zeit zu Zeit wolkenbruchartig, wenn ich nach unserem Telefonat den Hörer wieder auflege.

Seine quälenden Schmerzen werden mit einem Betäubungsmittel behandelt. Sie helfen gegen den unerträglichen Schmerz und doch vernebeln sie seinen Geist. Noch nie in meinem Leben erlebte ich meinen Vater geistig abwesend oder gar verwirrt, nicht einmal in einen Alkoholrausch. Die Konfrontation damit stürzte mich gestern in ein tiefes Loch, aus dem ich mich nun mühevoll heraushieven muß. Ich muß ihn gehen lassen, ich muß mich lösen. Doch empfinde ich jetzt momentan (Entbindungs)Schmerzen, die der Lösungsprozeß mit sich bringt.

Eine Ironie des Schicksals ist für mich, dass sich die Dinge des Lebens manchmal plötzlich wie in einem Negativbild umkehren. Möchte ich den belebenden Geist meines Vaters wieder zurück haben, dann muß er weiter unter den für ihn unterträglich gewordenen Schmerzen leiden. Möchte er sich von seinen Schmerzen befreien lassen, dann zieht das Schmerzmittel auch seinen Geist mit sich fort. Ich muß sein Verlangen nach Ruhe akzeptieren und respektieren, doch das gelingt mir nur unter einen gewissen Trennungsschmerz.

Mein Vater - einer der letzten Mohikaner im Bekanntenkreis seiner Generation - hat sich unwiderruflich auf seine letzte Reise begeben und wir alle wissen noch nicht, wann er dort ankommen wird, wo seine Frau und meine Mutter und wo seine Tochter und meine Schwester schon sind.