Januar 12, 2008
Meine Emotionen schlagen Wellen und gegen eine Brandung, die höher ist, als ich annahm. Stets rollen sie unsichtbar für mich aus Tiefe meiner Seele empor und überschütten mein Gesicht mit Tränen. Will ich nicht weinen, kann ich nicht schlafen, will ich weinen, kann ich auch nicht schlafen. Das Leben meiner Kinder- und Jugendjahre zieht unter Tränen an mir vorbei. Vorbei ziehen auch die ersten Jahre meines selbstständigen Lebens, in denen ich öfter meine Eltern brauchte, als meine anderen Geschwister. Am weitesten vom Elternhaus weggezogen, war mein Heimweh nach der Heimat für viele Jahre unstillbar.
Mein Elternhaus - in Mühe von meinem Vater Anfang der 50iger- Jahre erbaut - steht das erste mal seit seiner Erbauung vor 55 Jahren leer. Noch nie war es so lange ohne Menschen, ohne seiner Bewohner, ohne seinen letzten Bewohner, meinem Vater. Sein körperlicher Zusammenbruch vor 3 Wochen setzt die Zeichen so deutlich, das auch das sonnigste Gemüt das kommende Ende eines arbeitsreichen Lebens nicht ignorieren kann. Auch mein sonniges Gemüt überschattet sich von Zeit zu Zeit wolkenbruchartig, wenn ich nach unserem Telefonat den Hörer wieder auflege.
Seine quälenden Schmerzen werden mit einem Betäubungsmittel behandelt. Sie helfen gegen den unerträglichen Schmerz und doch vernebeln sie seinen Geist. Noch nie in meinem Leben erlebte ich meinen Vater geistig abwesend oder gar verwirrt, nicht einmal in einen Alkoholrausch. Die Konfrontation damit stürzte mich gestern in ein tiefes Loch, aus dem ich mich nun mühevoll heraushieven muß. Ich muß ihn gehen lassen, ich muß mich lösen. Doch empfinde ich jetzt momentan (Entbindungs)Schmerzen, die der Lösungsprozeß mit sich bringt.
Eine Ironie des Schicksals ist für mich, dass sich die Dinge des Lebens manchmal plötzlich wie in einem Negativbild umkehren. Möchte ich den belebenden Geist meines Vaters wieder zurück haben, dann muß er weiter unter den für ihn unterträglich gewordenen Schmerzen leiden. Möchte er sich von seinen Schmerzen befreien lassen, dann zieht das Schmerzmittel auch seinen Geist mit sich fort. Ich muß sein Verlangen nach Ruhe akzeptieren und respektieren, doch das gelingt mir nur unter einen gewissen Trennungsschmerz.
Mein Vater - einer der letzten Mohikaner im Bekanntenkreis seiner Generation - hat sich unwiderruflich auf seine letzte Reise begeben und wir alle wissen noch nicht, wann er dort ankommen wird, wo seine Frau und meine Mutter und wo seine Tochter und meine Schwester schon sind.
Januar 12, 2008 at 6:57 Uhr nachmittags
Hallo,
ich weiß sehr gut und kann nachvollziehen, wie du dich fühlst und was du durchmachst. Als mein Vater gegangen war, ging er einige Monate später “da drinnen” immer noch - war gegangen und doch so präsent wie an dem letzten Abend vor meinem Geburtstag, als ich ihn das letzte Mal sah - und ich fand für mich einfach keinen Weg, die Gedankenflut zu beenden, Tränen zu verdrängen oder mich damit “abzufinden”. Da ich mich diesbezüglich auch nicht öffnete (ich hatte eine Riesenangst vor dem Tod), kam es, wie es kommen mußte. Ich bekam von einer Sekunde auf die andere während der Heimfahrt einen Angstschub, der mich schließlich zur Kur führte (Psychosomatische Fachklinik).
Du wirst dich nicht verabschieden können - das gibt es nicht. Erst als ich es für mich so “hingenommen” hatte, dass ich diese Tür zu ihm angelehnt lassen konnte, sie also nicht zufallen lassen mußte, hatte ich es für mich geschafft und sah wirklich sein Fortgehen in einem ganz anderen Licht.
Etwa zwei Jahre später starb überraschend meine Mutter und obwohl ich völlig allein zu Haus war, alles zu “ordnen” und auf den Weg zu bringen war, diese totale innere Leere sich austobte und Gedanken und Gefühle sich wie die ekelhaftesten Berge auftürmten, habe ich durch dieses Anlehnen der Tür zu ihr, die immer wieder zu öffnen ist, meine Trauer ruhiger und gefaßter hinnehmen können.
Ich wünsche dir viel Kraft und hoffe, dass du dir einen für dich ganz wichtigen Moment, der dich mit ihm sehr verbindet und von dem du weißt, dass er ihn auch ebenso präsent in sich trägt - dass es ihn gibt und die Tür deshalb nie zufallen wird.
Liebe Grüße
Mondreiter
Januar 13, 2008 at 11:10 Uhr vormittags
Hallo liebe Nordstrahl,
dies ist eine harte Zeit für dich, und du empfindest es schlimm, dass die Medikamente seinen Geist so benebeln. Aber ich denke, für ihn ist es besser, weil er dadurch keine Schmrzen hat. Und Schmerzen können furchtbar quälen, deswegen gönne ihm diese Verwirrtheit (wenn er es möchte), und zeige ihm, dass du dennoch verstehst, auch wenn er bereits weit weg von dir zu sein scheint…Im Herzen seid ihr immer verbunden, auch über den Tod hinaus, also lass ihn in Frieden gehen.
Viel Kraft schickt dir Kalle
Januar 13, 2008 at 5:38 Uhr nachmittags
Hallo Mondreiter,
ich danke dir für deine einfühlsamen Worte.
Ich sprach grad mit meinen Vater und brauchte wieder etwas, um mich mental zu stabilisieren.
Er selbst wünschte sich endlich einen schmerzfreien Zustand und ich gönne es ihm, so wie ich auf darauf hoffen würde, wäre ich dem selbsten Zustand.
Jedoch plant er trotzdem noch seine Heimreise - nach einer Kur - ins Haus und dann will er sich noch einen neuen Fernseher kaufen. Seine Lebensgeister sind also noch am planen, trotz der Umnebelung. Und grade das ist es, was ich ihm noch von ganzem Herzen gönne, das er sein letztes Vorhaben - so nannte es mir gegenüber - noch umsetzen kann.
Ja, die Angst vor dem Tod beherrscht mitunter unser ganzes Leben und kann es düster machen, wenn man keinen Lichtblick finden kann, der einem die Angst nimmt. Während meiner Ausbildung im Yoga wird dieses Thema als die normalste Sache der Welt bezeichnet. Irgendwann ist der Mensch soweit und kann alles irdische loslassen, die Seele verläßt dann den Körper und tritt in das große Bewußtsein ein, in dem es keine Dualität mehr gibt.
Das macht das Leben mit dem Tod zwar leichter, doch es hebt den Trennungsschmerz der Hinterbliebenen - (Hinterbliebenen - was ist das für ein Wort ?) - nicht auf. Der Tod ist ein Ereignis, das niemand umgehen kann. Steht man davor, treten fast alle Dinge des Lebens in den Hintergrund und man empfindet sie eher als belanglos. Ja, ich stellte mir sogar Die Frage, warum dies oder das überhaupt einmal wichtig war. Auf diese Weise half mir die Begegnung mit dem Tod, die wirklich wichtigen Dinges des Lebens klarer zu sehen.
Aber auch das hebt meinen momentan empfundenen Trennungsschmerz nicht auf.
Ich wünsche dir noch einen schönen Sonntagabend
Gruß Nordstrahl
Januar 13, 2008 at 5:53 Uhr nachmittags
Hallo Kalle,
meine rationale Seite des Herzens stimmt allem zu, was du schreibst. Zum Glück hat die Medizin Mittel, die den Menschen auf diese Weise helfen können.
Heut sprach ich wieder mit meinem Vater per Telefon und er hat sich an den Zustand gewöhnt. Mit Anstrengung folgte er meinen Worten und konnte auch auf alles antworten.
“Ach Mädchen, ich muß immer zu schlafen” sagte er mir. Doch wenn das Telefon an seinem Bett klingelt, nimmt er jedes Gespräch entgegen.
Ich danke dir für deine Antwort auf meinen traurigen Beitrag und ich werde auf die Kraft zurück kommen, die du mir geschickt hast. Danke..
Gruß Nordstrahl
Januar 16, 2008 at 10:32 Uhr vormittags
Hallo Nordstrahl,
ich finde es beeindruckend, mit welch einfühlsamen Worten, ohne jeden falschen Pathos, Sie diese sehr berührende Situation beschreiben.
Grüße vfranke
Januar 18, 2008 at 2:41 Uhr nachmittags
Hallo vfranke.
was der rationale Gedanke fassen kann, läß sich leider so ohne weiteres auf die Emotionen übertragen. Den Weg der Akzeptanz ist - was das Unwiderrufliche betrifft - schmerzvoll, wie eine Trennung von einen lieben Menschen an sich.
Ich danke dir für deine freundlichen Worte
Gruß Nordstrahl
Januar 23, 2008 at 2:12 Uhr nachmittags
Liebe Nordstrahl
ich habe länger nicht bei Dir gelesen und bin ganz erschüttert. Ich kann das gut nachvollziehen, wie Du Dich fühlst.
Ich wünsche Dir ganz viel Kraft, die Du jetzt sicher brauchst.
Lg bea
Januar 24, 2008 at 10:06 Uhr vormittags
[...] Montag werden wir keine Gespräche mehr führen können. Er, der letzte Mohikaner, mein Vater ist für immer gegangen. Sein handschriftlichen Testament uns 3 Kinder endete mit den [...]
Januar 24, 2008 at 10:23 Uhr vormittags
Hallo Bea, ja…wie du in meinem letzten Beitrag lesen kannst, haben wir es alle überstanden. Als wir in der Klinik an seinem Bett saßen, war ich traurig, weil er täglich hilfloser wurde. Es ist immer ein zweischneidiges Schwert, wenn es kein Zurück mehr gibt. Auf der einen Seite erträgt man das Leid nicht mehr und auf der anderen Seite möchte man den Menschen auch noch in seinem Leid behalten.
Aber wie mein Vater in seinem Testament an uns schriebt:”Das Leben verlangt nach seinem Recht”
Gruß Nordstrahl
April 6, 2008 at 10:52 Uhr nachmittags
[...] Letzter Weinkrampf? Achja - das war da 5. Letztes Buch? “Ich bin dann eben mal weg2 in [...]