Dezember 2, 2007
auch gesellschaftliche Haftung ?
Posted by nordstrahl under Absturz, Drama, Missbrauch, armes DeutschlandIn der Regel liegen sie im Klinsch. Ihre Meinungen und Auffassungen ihrer unterschiedlichen Strömungen prallen aufeinander und werden öffendlich ausdiskutiert. Einer unterstellt dem anderen einen Denkfehler in seiner Auffassung und kann oder will die Gedankengänge des anderen nicht verstehen. Wir, die Bürger stehen am Rande und können nur hoffen, dass sie sich einigen.
Aber in einer Sache sind sie - die Politiker- sich einig - die Kinder unseren Landes müssen besser geschützt werden. Ins Grundgesetz soll es verankert werden und das möglichst schnell. Nach dem Hungertod der kleine Lea Sophie soll sich nun endlich etwas ändern. Am weitesten faß es Gregor Gysi: “Kinderrechte gehören ins Grundgesetz, damit niemand ungestraft den Kindern die Zukunft nehmen kann. Weder durch Vernachlässigung und Gewalt in Familien noch durch Hartz-IV-Armut in der Gesellschaft.” Er bezieht auch die Gesellschaft in die Haftung mit ein.
Seit es immer und immer wieder vorkommt, dass Kinder in den Familien zu Tode kommen, stelle ich mir die Frage. “Was hat sich in unserer fortgeschrittenen Gesellschaft geändert, dass für Kinder solch bedrohliche Lebensituationen entstehen. Das Kinder mitunter in den eigenen Familien - ich denen sie naturgemäß Schutz und Geborgenheit finden sollten, Qualen mit z.T. tödlichen Folgen erleiden müssen? Qualen, über die man gar nicht zu Ende denken kann, ohne dass einem der eisige Schauer über den Rücken läuft?
Was hat sich nur in unserer Welt, unserer Gesellschaft geändert ?
Dezember 3, 2007 at 4:54 Uhr nachmittags
WIR haben uns verändert.
Hin zu Materialismus, Leistung, Arbeit, Geld und Anonymität. Seinen Nachbarn kennt man nicht und will man am liebsten auch nicht kennen. Durch das Internet, Handys, Emails und den stetigen Mangel an Zeit ist es immer einfacher geworden, sich selbst vom Geschehen zu distanzieren. Gar nicht wirklich teilzuhaben an den Dingen, die so um einen rum passieren. Es kümmert uns nur noch, wenn jemand aus der Familie oder dem engen Freundeskreis Probleme hat. Daran nehmen wir vielleicht noch Anteil. Aber selbst dort zieht man sich immer mehr von der persönlichen Ebene zurück. Bei all dem Leistungsdruck und all dem Zeitmangel passt allzu viel Mitgefühl für andere eben nicht mehr rein.
Außerdem ist man durch die schrecklichen Bilder im Fernsehen auch an viel Leid gewöhnt, vielleicht etwas abgestumpft. Und man hat ja selber auch genug Probleme. Woher soll man also noch die Kraft nehmen für andere, wenn man selber Familie, Kinder, Freunde, Haushalt, Arbeit, Karriere hat und sich um alles gleichzeitig kümmern muss?
Folge ist ganz automatisch, dass für solche Dinge immer weniger Zeit und Kraft übrig bleiben. Ein Tag hat nunmal nur 24 Stunden. Was soll man sich da noch mit den Problemen vielleicht völlig fremder Menschen belasten? Trägt man nicht schon genug Last auf den Schultern, so dass sie vor Anspannung schmerzen?
Immer öfter wählen wir nicht den richtigen, sondern den leichten Weg. Augen zu, Ohren zu, Türe zu - was ich nicht sehe, das kann mich auch nicht belasten. Was geht mich das schon an?
Vermutlich wird jeder, der schon einmal eine lange, schlimme Phase durchlebt hat, früher oder später festgestellt haben, dass andere dieses Leid ausblenden. Auf Dauer ist es zu belastend für andere. Schafft es jemand nicht in einem gewissen Zeitrahmen, dass es ihm wieder gut geht, distanzieren sich andere von ihm. Und distanziert man sich auch selbst von jemanden, dem es schlecht geht. Das geschieht auch aus Selbstschutz und ist vielleicht sogar gut, jedoch habe ich das Gefühl, dass die Zeitspanne, die man der Heilung noch lässt, immer kürzer wird.
Und auf der anderen Seite wird es auch immer schwieriger, Schwäche zuzugeben und sich selbst einzugestehen. Jeder muss perfekt sein. Jeder muss alles können und mit allem klar kommen. Schwäche darf man sich heutzutage nicht mehr leisten.
Das alles sind meiner Meinung nach Gründe, warum sich Menschen damit schwer tun, Hilfe anzufordern und warum diejenigen, die um diese Menschen herum leben, die Augen verschließen oder es auch tatsächlich nicht mitbekommen. So entsteht aus einer noch zu rettenden Situation eine Extremsituation, die alles nur noch schwieriger macht.
Diese Dinge entsprechen nicht meiner Meinung, und doch verhalte wohl auch ich mich manchmal ähnlich. Sie geben auch keine konkrete Antwort darauf, warum eine Mutter zusieht, wie ihr Kind verhungert und über Wochen dahin vegetiert, aber meiner Meinung nach kann man an all diesen Punkten ansetzen und findet viele, viele, zusammenhängende Ursachen, die derartige Extreme hervorbringen.
Dezember 5, 2007 at 9:31 Uhr vormittags
Hallo MUschelschubserin,
danke für dein ausführliche Antwort auf meine Frage- “Was hat sich geändert”.
Ja, wie du beschreibst haben wir unserer Seele dem Kapital verkauft und das hat uns Menschen abgestumpft für fremdes Leid. Und wer im Leid steckt, zieht sich kauernd in seine Höhle zurück und läßt, wenn die Karft zum Leben nicht mehr reicht, die Welt über sich einstürzen.
Auf der anderen Seite haben die Menschen von damals - die auch auf schwere Jahre zurück blicken - sich nach dieser Wohlstandszeit geseht und hofften damit im höchsten Glück zu sein. Doch nun das.
Läßt uns die Entwicklung, wie sie sich jetzt abzeichnet mit ihrer Jagdt nach dem Kapital und der gnadenlsoen Vermarktung von allem und jedem, zu seelenlosen Menschen werden?
Dir noch einen schönen Tag
Gruß Nordstrahl
Dezember 5, 2007 at 2:44 Uhr nachmittags
Hallo!
Hm, ob wir eine seelenlose Gesellschaft werden, frage ich mich auch oft. Definitiv pendeln wir sehr stark in eine negative Richtung. Vieles ist ein Extrem, so auch vieles extrem negativ.
Jedoch gibt es auch erstaunlich viele Menschen, die dies längst erkannt haben und versuchen, in ihrem Alltag eben nicht so zu leben. Natürlich fallen diese nicht so auf, denn erstens sind “bad news good news”, sprich über positive Dinge wird nicht so oft und gerne berichtet wie über negative, was aber ja nicht heißt, dass es sie nicht gibt. Und zweitens handelt es sich dabei ja auch faktisch um alltägliche Kleinigkeiten. Kein normaler Bürger kann Wunder vollbringen oder mal eben nach Afrika jetten und dort eine Schule für ein Dorf bauen lassen oder ähnliches wie es Prominente könn(t)en.
Es steht aber in jedermann’s Macht, seine Mitmenschen eben als Menschen wahrzunehmen und entsprechend zu behandeln. Zu erkennen, dass wir ja eigentlich alle - unabhängig von Staatsangehörigkeit, Religion, Hautfarbe, Alter, Schicht etc. - das selbe wollen: Glücklich sein. Das heißt, uns verbindet etwas Grundsätzliches. Und wenn einem das klar wird, fällt es auch leichter, sich in andere hineinzuversetzen.
Und wenn man erst einmal Mitgefühl empfindet, sich quasi überhaupt dafür öffnet, wird es immer unmöglicher, die Augen zu verschließen. Als automatische Folge bekommt man ein Verantwortungsgefühl. Und daraus entsteht mit etwas Glück ein von positiven Zielen geleitetes Handeln.
Mitgefühl haben bedeutet ja, entgegen dem, was viele glaube ich meinen, nicht nur, dass man den ganzen Tag nur über das Böse dieser Welt trauert. Dass man ständig darunter leidet. Es bedeutet auch eine Menge Freude.
Und ich persönlich hoffe, dass genügend Menschen dies so oder so ähnlich sehen und auch (was weitaus schwieriger ist) dem entsprechend handeln. Es ihren Kindern beibringen. So dass daraus sozusagen ein positives “Netzwerk” entsteht, welches dem extrem Negativen entgegen wirkt. Und dass ich selber möglichst oft so handel.
Ich weiß, dass das alles sehr idealistisch ist und manch einer über so eine Sichtweise nur lachen kann. Weil es so einfach ist und keine konkreten Lösungen zu bieten scheint. Aber genau in dieser Banalität liegt meiner Meinung nach das Geheimnis. Und die Möglichkeit, dass jeder Einzelne maßgeblich etwas verändern kann.
Mir ist das jedenfalls für mich vor ein paar Jahren so klar geworden, als ich ein Buch des Dalai Lama las (Buch der Menschlichkeit), in dem es genau um diese Dinge geht.
Dezember 5, 2007 at 3:23 Uhr nachmittags
Hallo Muschelschubserin,
der Rückzug aus dem Mitgefühl ist deutlich erkennbar. Vielleicht ein Selbstschutz, vielleicht auch nur Gleichgültigkeit. Man möchte sich aus der Leistungsgesellschaft seine eigene Konsumwelt aufbauen und sich möglichst gut einrichten und dort ungestört den Rest seiner Tage verbringen. Und selbst Gefühle kann man auf Distanz konsumieren - dazu bedarf es nur einen Fernseher und schaut sich vielleicht Popstar´s an, schaut zu, wie die jungen Leute vor laufender Kamera zum Seelenstrip angeregt und vermarktet werden. Warum sonst läßt man uns Zuschauer hinter die Kulisse schauen.
Aber auf der anderen Seite steigt grade deshalb eine Leere - eine Art Gefühlsarmut - auf, die gefährlich werden kann. Die 2 Jungs aus dem naheliegenden Ort Tessin - sie hatten eine Ehepaar in ihrem Heimatort überrumpelt und erstochen.
Die erste Erklärung, die die beiden abgeben konnten, war “Wir wollten wissen, wie man sich fühlt, wenn vor unseren Augen jemand stirbt”. Sie sagten nicht, dass sie zusehen wollten, sie wollten wissen, wie man sich dabei fühlt. Und das von gebildeten Kinder - vielleicht sogar hochbegabt - jedoch ohne emotionale Intelligenz.
Und ich glaube unsere Gesellschaft überschätzt den Wert der rationalen Intelligenz und unterschätz den Wert der emotionalen Intelligenz.
Dir noch einen schönen Feierabend
Gruß Nordstrahl
Dezember 29, 2007 at 9:43 Uhr nachmittags
Hallo Nordstrahl,
du weißt, dass es ein weites Feld ist. Wenn über den nächsten traurigen Fall gesprochen wird, schlägt sich auch eine neue Seite in unserem Miteinander auf - aber auch eine, die “Staatliche Verantwortung” heißt.
Sicher wollten alle nach dem Kriegsdesaster den Konsum und die Marktwirtschaft und nach dem Mauerfall war es nicht anders, ist doch logisch. Und ich weiß genau, dass wir selbst in den Siebzigern weit davon entfernt waren, derartige Kinder- und Familientragödien in diesem Ausmaße zu erleben. Dann kamen die Achtziger, wo ich selbst für einen einzigen Kindergartenplatz ohne Essen usw. knapp 300 DM auf den Tisch legen musste. Es soll nur ein Beispiel dafür sein (nicht mehr), dass sich der Staat immer mehr, Schrittchen für Schrittchen aus der Verantwortung stahl.
Damals “ging es noch”, weil selbst vom Arbeitslosengeld (im Vergleich) noch recht gut zu leben war. Als es weiter bergab ging, wurden die beruflichen Hürden so hoch, dass man entweder nach Jahren einfach wegen des Drucks krank werden mußte, weil die Verantwortung seitens der Arbeitgeber den Bach runterging, immer mehr eingespart wurde und die Großindustrie mit dem “Schei…”-Globalisierungsgedanken im Kopf Kapitalflucht in den Konten stehen hatte (und Produktionsflucht auch).
Hartz IV war die größte Dummheit des Staates, denn wer zu dieser Zeit labil war oder es einfach ist, der strauchelte, weil gleichzeitig der Kostendruck stieg und Hilfe weit entfernt war. Familien wurden krank. Respekt für alle, die trotzdem ihre Familie schützten und nicht aufgeben. Das ist ein verdammt hartes Brot und Stückchen Arbeit.
Die Großindustrie verdient sich dumm und dusselig (und darf es sogar - wird steuerlich bis zum Exzess begünstigt, wenn im Ausland produziert wird), während die Menschen am Stock gehen und gedemütigt, in Klassen eingeteilt und verschoben werden. Und wenn wir die Zeitungen aufschlagen, sehen wir nur lachende Gesichter. Oben sonnt man sich und sucht seine Moral, während man von “Unten” erwartet, dass sie “Erfolgshungrig” bleiben.
Jedes Arbeitsleben währt heute (das ist meine Unterstellung) etwa 15 - höchstens 20 Jahre. Dann ist man nichts mehr wert. Dann geht es nach unten. Wir sind noch nicht da, wo sich dieser rote Faden durch die ganze Gesellschaft zieht!!! Wenn er da ist, dann haben wir ganz schlimen - und die “Amerikanischen Verhältnisse”.
Es ist klar, dass jeder, der die Ausnahme bildet und seinen Sessel sicher hat (es werden immer weniger) es nicht sehen kann und anzweifelt, was sich auf der Strasse tut. Wer nicht sparen muß, weiß nicht, wie es im Großmarkt um die Ecke aussieht und kauft mal zum Spass bei Aldi (Albrecht-Feinkost) ein, weil es schick ist. - Er wird aber ganz selten Verantwortung übernehmen wollen oder akzeptieren, dass er für andere Menschen einstehen muss. Wir kannten es als Kinder nicht anders - wuchsen damit auf. Heute kennen es nur noch Wenige. Wie sollte es auch anders sein. - Vorleben müssen wir, aber es muss (wie Gysi bezüglich der Kinder sagte) gesetzlich verankert werden.
Ja, ich könnte munter weiterschreiben.
LG Mondreiter
Januar 7, 2008 at 2:33 Uhr nachmittags
Hallo Mondreiter,
danke für deine ausführliche Antwort und sorry meine verspätete Rückantwort.
Deine Argumente liegen wie Karten des schwarzen Peters in der Hand und sie sind noch lange alle nicht aufgenommen und aufgedeckt.
Die Famile wird von staatlicher Zeite zu wenige geschützt und das erkennt man im Umgang mit den Ärmsten, die sich mit Hartz IV durch das Leben schlagen müssen. Die Kinder werden schon im Elternhaus von der Resignation geprägt, die sie dann weiter ins Leben begleitet. Wenn sie selber Eltern werden, sind sie u.a. auch mental überfordert.
Wenn wir als Sportverein in den Schulen werben, um Kinder in den Verein zu bekommen, dann erhalten wir über die Lehrer einen Eindruck, wie es im so manch Wochgebiet in den Familien aussieht. Mitunter sitzten beide Eltern zu Haus und haben keine Arbeit mehr. Sie dämmern - oft mit Alkohol als Fluchtmittel - durch die Tage.
Es sind nicht nur die fehlenden Arbeitsplätze, sondern auch der Elan, etwas zu verändern, hat nachgelassen.
Vorbei die Zeit des revolutionären Geistes, sie ist wie weggeblasen. Nur Resignation weit und breit, die sich wie eine Pest in der Bevölkerung weiter ausbreitet.
Was zum Teufel hat sie so lahm gelegt, dass sie sich nicht mehr gegen unzulängliche Um- oder Zustände wehren?
Und überhaupt, warum lassen wir uns alles gefallen, was die Regierung beschließt?
Manchmal verstehe ich mich - was das betrifft - selber nicht mehr und beobachte statt dessen, dass ich mich lieber in meine 4 Wände zurückziehe und vom Fernseher berieseln lasse.
Doch wenn ich zurückschaue - ich kenne noch Zeiten ohne TV und ohne die zahreichen technischen Hilfsmittel. Damals täumten wir von diesen heutigen Zeiten. Doch entpuppt sich der Segen des technischen Fortschritt eher als Fluch, in dem die Schwächsten der Schwachen herzlos zermalmt werden.
Gruß Nordstrahl
Dir noch ein schönes neues Jahr