Oktober 7, 2007
..mit ihrer Liebe getötet
Posted by nordstrahl under Absturz, Alltag, Arbeit, Betrug, Bewundert, Lüge, Wahrheit, armes DeutschlandDie Bahn macht mobil und wehrt sich mit Händen und Füßen gegen die Forderungen der Lokführer. 9000 Arbeitsplätze gingen verloren, würden sie den Lohnforderungen nachgeben. Das kann ein Lokführer doch gar nicht mit seinem Gewissen vereinbaren. Seíne Forderungen vernichten Arbeitsplätze und damit die Lebensgrundlage vieler Familien. Wer sich unter diesen Bedingungen das Geld einstreichen will, ist doch selbst nicht besser, als jeder andere Halsabschneider, oder?
Auch ich könnte unter diesen Umständen meine Solidarität für die Lokführer nicht mehr aufrecht halten und würde sie - auf einem Tablett und um Verzeihung bittend auf Knien rutschend - dem Bahnvorstand übergeben. Mein Gewissen schlägt für die Gerechtigkeit und die sehe aus den Fugen, wenn für Lohnforderungen andere Angestellte ihren Platz verlieren - 9 000 Arbeitsplätze, wie der Vorstand meldet.
Oh Mann, wie kann man nur so selbstsüchtig sein und nur an seine Lohnforderungen denken ?
Doch ein Kommentareintrag im verlinkten Bericht öffnete mir mit weinigen Worten die Augen und den Blick für eine Tatsache geschärft:
“Hans Meier meint:
07-10-2007, 16:52 Uhr
Lieber 9000 Beschäftigte weniger die sowieso noch zusätzlich von der Arge mitfinanziert werden müssen weil Sie ja so billig sind, als 9000 Scheinbeschäftigte die von Ihrem Lohn nicht leben können.
Also streikt weiter für gerechtere Löhne!!
Einen Streik ansagen mit Uhrzeit ist dasselbe als würde ich mich von Samstag bis Sonntag bei meinem Arbeitgeber krank melden.
geht dem am A… vorbei und es würde keiner bemerken.”
Recht hat Herr Meier !
Nach dieser Klarstellung kam mir plötzlich Steven King und sein Buch “Green Mile” in den Sinn. Ein Heiler der Geschichte erkannte das Tötungsistrument eines zum Tode verurteilten, der Zwillingsschwestern von der Familie entführte. Damit keine der Beiden um Hilfe schrie sagte er beiden Mädchen abwechseld ins Ohr “Wenn du schreist, bringe ich deine Schwester um” und weil die die Schwestern sich liebten, riefen sich nicht um Hilfe. Später tötete er beide. Der Heiler erkannte den Dreh des Täters “Er hat sie mit ihrer Liebe getötet”.
Welch unsichtbare, aber wirksame Hebel doch angesetzt werden können um zu einem Ziel zu kommen.
Ich hoffe, die Lokführer lassen sich von der Attacke des Bahnvorstandes nicht beeinflüssen und setzen ihren Arbeitskampf fort.

Oktober 7, 2007 at 5:05 Uhr nachmittags
Das ist das Leiden von Privatisierung und Börsengang: Es müssen Leute entlassen werden damit das Unternehmen Gewinn macht - egal ob bei der Bahn oder einem anderen Unternehmen. Gewinn muss gemacht werden um die Aktionäre bei Laune zu halten. Das heisst also, dass Gewinn gemacht werden muss um mit dem Kapital Geld zu verdienen und nicht mit der eigentlichen Aufgabe der Bahn, nämlich dem Transport von Reisenden und Gütern.
Haben wir doch alles schon erlebt: Konzerne machen Milliarden gewinne und entlassen trotzdem Mitarbeiter weil es nicht genug Gewinn war.
Sowas ist doch total ungesund.
Oktober 7, 2007 at 8:42 Uhr nachmittags
Hallo Hans-Georg,
das ist das Leiden - einen ähnlichen Hintergrund gab es ja auch bei der Telekom im Sommer.
Ich hoffe, die Lokführer haben starke Nerven und zeigen auch den Aktionären, dass das nicht nur die Menschen ihre Grenzen haben, sondern auch die Gewinne nicht grenzenlos sein können.
Die Zeit wird zeigen, wie sch der Tarifkonflikt weiter entwickelt, denn die Streiks führen den Unternehmen ja Schäden zu, von denen ja auch die Aktionäre am Ende betroffen sind.
Gruß Nordstrahl
Oktober 8, 2007 at 3:39 Uhr nachmittags
Hallo Nordstrahl,
letzt fuhr ich bei Tempo 300 durch die Gegend - wenn dabei etwas passieren würde….Und ich weiss, dass viele Lokführer Panik haben, wenn sie jemand überfahren haben. Ich bin für den Streik, auch wenn ich immer jammere, dass es mich hoffentlich nicht trifft, da man im Rolli in solchen Situationen nur Stress hat. Doch diesen hat man auch ohne Streik, aufgrund dem Geschäftsgebahren des Herrn M., und seinen Einsparungen und Ideen, drum weiter so!!!
Lg Kalle
Oktober 10, 2007 at 7:51 Uhr vormittags
Was mich daran so nervt, ist diese Unerbittlichkeit, mit denen beide Parteien aneinander zerren. Ich kann nicht beurteilen, wie gerecht oder ungerecht die Löhne sind - auch im Vergleich zu anderen Mitarbeitern bei der Bahn.
Jemand, der die Weichen stellt, der die Gleise von Unrat befreit oder im Leitstand sitzt hat mich Sicherheit eine ebenso große Verantwortung.
Vielleicht bilden sie alle eine eigene Gewerkschaft? Wo soll das hinführen.
Es muss eine Annäherung geben! Von beiden Seiten!
Lg Bea
Oktober 10, 2007 at 10:03 Uhr vormittags
Hallo Kalle,
das denke ich auch - die Lokführer stehen schon mal unter einem extremen Druck, allein wegen der Geschwindigkeiten, mit der sie den Zug durch das Land sausen lassen.
Auf der anderen Seite gehe ich davon aus, dass die Gewerkschaft sich genügend Gedanken gemacht hat, damit die Lokführer richtig entlohnt werden.
Der Streik wird ja morgen fortgesetzt und ich hoffe, dass ich meine Reise am Montag trotzdem anstreten kann
Gruß Nordstrahl
Oktober 10, 2007 at 10:13 Uhr vormittags
Hallo Bea,
Hans-Georg wies ja schon auf die Ursachen der Preiserhöhungen und Lohnkürzungen hin. Die Aktionäre müssen bei Laune gehalten werden - die Rendite muß stetig steigen. Doch woher nehmen und nicht stehlen?
Das geht nur über Lohn oder Preise. Doch gibt es in beiden Kategorien Grenzen und diese werden dem Unternehmen Bahn gezeigt. Wenn das Unternehmen wegen der Streiks ins Wanken kommt, gehen ihnen auch die Aktionäre verloren und niemand hat etwas davon.
Deshalb finde ich die Konsequenz der Gewerkschaft, mit der die Verhandlungen geführt werden, wichtig. Die Annäherung wird es geben, geben müssen, das steht außer Frage. Doch noch sind die Verhärtungen auf beiden Seiten an der Tagesordnung und es muß erst eine Schmerzgrenze erreicht werden _ doch wo diese ist, dass weiß der Himmel
Dir noch einen schönen Tag
Gruß Nordstrahl
Oktober 10, 2007 at 11:40 Uhr vormittags
Ich finde es im allgemeinen sehr traurig, dass das Profitdenken immer mehr in den Vordergrund gerät.
Schuld daran sind natürlich die Konzerne. Es wird ja immer mehr konsolidiert, die Verantwortung, die Arbeitgeber in der Vergangenheit für ihre Belegschaft getragen haben, existiert nicht mehr.
Weil es ja “irgendwelche” Menschen aus “irgendwelchen” Sparten sind. Persönlichkeit ist auf der Strecke geblieben.
Zeit für eine Revolte? Manchmal denke ich: JA! Wir sollten uns nicht immer mehr ducken. Aber wer hat den Mut?
Oktober 10, 2007 at 5:36 Uhr nachmittags
Hallo Bea,
ein Bekannter von mir sagt es ganz abstrakt und bringt es vielleicht auf einen simplen Punkt. Unsere Wirtschaft ist am egoistischen Denkmuster maßgeblicher Menschen erkrankt “Weil sie einem nichts gönnen” soeinfach sieht er es.
Ich sehe darin ein Körnchen Wahrheit, denn die Unternehmen übernehmen keine gesellschaftliche Verantwortung mehr.
Auf der anderen Seite sitzt jetzt die Eliteschülergeneration in den Chefsessel der Führungsetagen. Fast würde ich sagen - hochgelobte verwöhnte Jungs, die nichts anderes mehr im Kopf haben als Kohle machen. Der Mensch ist für sie nur das Werkzeug auf den Weg zur Kohle.
Meine Schwester erzählte mir kürzlich , dass die nach 15 Jahre Arbeit in ihrem Job wieder beim Anfangsgehalt angekommen ist, alle Zuschläge sind weggefallen und die Arbeit ist mehr geworden. Die Entscheidungsträger für diese Maßnahmen zahlen sich für ihre Leistungten Gehälter in 5 stelliger Höhe aus. Man kann fast sagen, sie bedienen sich kräftig und lenken den Geldfluß geschickt in ihre Taschen.
Eine Revolte? In einer 2/3 Gesellschaft kommt es nicht so schnell zum kippen. Die Stimmung für eine Revolte muß alle ergreifen - ähnlich wie in der Wendezeit - doch die Masse an Menschen ist träge, solange ein wunder Punkt noch nicht angepickst ist.
Außerdem gibt es - wie damals in der DDR - keinen zentralen Anlaufpunkt, außer das Volk setzt die Regierung unter Druck :-).
Mal sehen, wie die Lokführer ihre Forderungen umsetzen. Vielleicht profitieren davon auch andere Arbeitnehmer und setzen ebenfalls auf Streik.
Gruß Nordstrahl