Die Nacht war kurz und Traumlos. Mit der Lektüre “Lebenskrise als Entwicklungchancen” von Rühdiger Dahlke legte ich mich zu Bett und schlief nach den ersten theoretischen Vorartikeln ein. Dahlke schreib von Mandalas - diese wunderschönen Blumenartigen malerischen Gebilde, die aus der Mitte heraus entstehen. Die Mitte, die Zentrale, worum sich alles nachfolgende dreht, auch das Leben.

Darüber hab ich nun erst mal eine Nacht geschlafen und heimlich auf eine Traumbotschaft gehofft, die mir meinen zentralen Kern, meine Mitte des Lebens, meine Berufung zeigt, um die sich mein ganzes Leben dreht. Und ich stellte mir die Frage, ob meine Mitte - leider schon ein abgegriffener Begriff aus dem Alltag - auch wirklich die Mitte ist und wenn, steht sie noch am zentralen Punkt, damit sich der Rest meines Lebens sich auch, ohne mich aus dem Gleichgewicht zu bringen, auch weiter drehen kann?

Ein ganz einfaches anschauliches Bild eines Mandalas brachte mir zumindest gestern Nacht noch mehr Klarheit über die Formulierung - die Mitte finden -, damit das Leben sich Blumenartig darum winden kann.

Ich schaue zurück in mein Leben, das alles andere als ruhig und ausgewogen war. Aber wessen Leben ist schon ausgewogen. Irgendetwas ist immer. Kaum hat man sich zurück gelehnt und denkt: “So, das wars, jetzt hab ich alles im Griff und auf die Reihe gebracht, die Segel für den Törn ins Leben ausgerichtet” Dann kommt eine Böe von rechts oder links und alles, was ich vorher einstellte, war für die Katz. Die Segel stehen falsch, es sind die falschen Segel gesetzt, oder zu viel oder gar keine und schon fängt mein “Kahn” an zu schlenkern. Die Schaukelbewegung bringt mich aus dem Gleichgewicht und bei der Aktion, Segel richtig setzten, hoffe ich drauf, dass ich nicht von meinen Kahn ins Wasser falle und ich ohne weiter im Fluß des Lebens treiben muß.

Vielleicht hab ich auf den falschen Kahn unter meinem Hintern und ich verstehe mich nicht darauf, meine Segel allein zu setzen und bräuchte 50 Mann an Bord, damit eine Wendung in meinem Leben auch umgesetzt werden kann. So ein Kahn wäre sowieso mehrere Nummern zu groß für mich und es hätte nicht lange gedauert und ich hätte mich unter die 50 Mann verpieselt und das große Schiff - nicht ohne schlechtes Gewissen - führerlos gelassen.

Das war eine meiner ersten bitteren Erkenntnisse im Leben - ich bin keine Frau für ein großes Segelschiff. Auch wenn es noch so verlockend aussah. Große stattliche Segel, 50 Mann als verlängerte Arme und Übersetzer meiner geistigen Ergüsse in die Tat.

Doch wer nicht einmal versucht nach seinen Sternen zu greifen, wird nie erkennen, dass sie am Himmel bleiben sollten, damit die Nacht nicht schwarz wie die Nacht sein sollte und ich lies meine Sterne am Himmel wo sie waren und auch hingehörten. Sie hatten mir ja schon gleich zu Beginn angezeigt, dass sie alles andere als der zentrale Punkt meines Lebens waren, um dass sich alles drehen soll.

Die Suche nach dem richtigen Kahn, den ich allein navigieren kann, dauerte am längsten und artete auch irgendwie als korrigierenden Druck von hinten aus. Mal schob es mich, mal zog es an mich. Und das geschah immer dann, wenn ich nach dem falschen Kahn Ausschau hielt. Das waren die, die sehr viele hatten. Sie trugen fast alle die selbe Aufschrift: “Mein Haus, mein Garten, mein Auto”. Ich zog in das Haus, bewirtschaftete den Garten und fuhr mit dem Wagen. Endlich war ich wie die anderen und glaubte damit, mich nie mehr allein zu fühlen.

Die Freude schlug bald in Traurigkeit und Einsamkeit um. Sie lärmten in meinen Ohren, in meinem Kopf, dass es fast unerträglich erschien. Ich konnte es mir nicht erklären, ich hatte doch alles, was das Leben begehrt. Der Lärm im Kopf stieg jedoch stetig an und ich musste ihn übertönen, wenn er mich nicht an die Wand drücken sollte. Meine laute Musik störte die Nachbaren und mein morgendlicher Kater erschwerte mir den Rest des Tages. Ich schleppte mich von einem Tag zu dem anderen und glaube, nicht ganz rund zu laufen. Warum konnte ich keinen Frieden finden - keine Frieden in der Idylle von Haus, Garten und Auto? Alles, was schön erscheinen sollte, wurde grau und grau, sogar das Licht des Tages. Von der Nacht ganz zu schweigen - die Lärm in meinem Kopf, das Dröhnen, es verlangte nach einer Dröhnung. Die Schwermut hielt meine Lebensfreude gefangen, als wäre sie mein ärgster Feind im Leben.

Ich dieser Stimmung sah ich, wie sich ein lustiges quirliges Mädchen von mir entfernte. Ich glaubte diese Mädchen zu kennen, es hatte viel Ähnlichkeit mit mir, war es vielleicht ein Teil von mir und war es das kleine Mädchen, was so laut um Hilfe schrie, dass es mir als dröhnen vorkam und ich es nicht mehr hören konnte?

Ich konnte das Leid des Mädchens nicht ertragen und sah weg, verschloss die Augen und hoffte auf diese Weise dem qualvollen Anblick zu entgehen. Das kleine Mädchen schwand mehr und mehr aus meinem Blickfeld, doch seine Hilfeschreie waren nun schon am Tag zu hören. Je weiter das Mädchen von mir entfernt war, je kleiner erschien sie mir am Horizont. Sie war schon fast zu einem Punkt zusammengeschrumpft, als sie kaum noch sichtbar einen lauten erbärmlichen Schrei ausstieß: “Warum verstößt du mich? Ich bin Du, ich bin ein Teil von dir, ich bin eine Facette deines Lebens. Du kannst mich nicht einfach von dir wegtreiben lassen und glauben, das ich dir nicht fehlen werde”.

Endlich erreichte mich das kleine Mädchen, denn ich konnte tagsüber ihre Hilfeschreine nicht übertönen. Plötzlich sah ich klar, sah wieder durch und wusste, dass ich nur richtig rund laufen kann, wenn ich das Mädchen wieder mit an Bord nehme. Aber es war schon viel zu weit weggetrieben. Kaum noch am Horizont zu sehen. Ich stand am Scheideweg und konnte in meinem Leben nur weiter gehen, wenn ich eine Entscheidung fällte. Entweder ich lies das Mädchen weiter ohne mich treiben. Irgendwann wird es schon Ruhe geben. Ober ich muß mein Haus, meinen Garten und mein Auto verlassen und ins kalte Wasser springen. Die Entscheidung für mich wurde zu einer Zerreissprobe und raubte mir fast meine Kraft.

Zögere ich die Entscheidung weiter hinaus, dann schwindet meine Kraft unter Null und die brauchte ich für das Schwimmen. Das Mädchen, es ist fast nicht mehr zu hören. Vielleicht, weil es verstummt ist oder vielleicht ist es schon zu weit weg, dass ich es nicht mehr hören kann. Je länger ich warte, je geringer wird die Chance. mein kleines Mädchen zu retten, es wieder an Bord zu nehmen. An Bord welchen Schiffes? Das jetzige große Schiff hatte sie nicht gewollt, sonst wäre sie mir nicht abhanden gekommen. Wenn ich ins Wasser springe, werde ich gar kein Schiff für uns haben und wir werden beide auf dem Wasser treiben müssen.

Der letzte Aufschrei, den ich von meinem Mädchen höre, hat kaum noch die Lautstärke eine Piepsers. Auch mein kleines Mädchen ist schwach geworden, denn es überlebt ohne mich nur solange, wie ich es hören oder sehen kann. Verliere ich es aus den Augen, wird er unwiederbringlich sterben und schwerelos auf einen undurchsichtigen Grund sinken. Die Entscheidung, sie muß jetzt kommen, sonst ist es zu spät.

Ich schaue noch einmal auf mein Haus, mein Garten, mein Auto und es erscheint mir noch einmal im schönsten Sonnenschein, ja es strahlt mich in allen Schattierungen an. So schön ist mein Heim? Warum hab ich es vorher nicht gesehen. Ich nahm an, es war alles grau in grau. Wo hatte ich nur meine Augen? Schaute ich denn nur auf den Boden und übersah das schöne großzügig gebaute Haus? Oder übersah ich den Garten mit Teerasse und Sonnenbank? Das Auto - welch schöne Reise kann ich damit machen - es signalisiert mir grenzenlose Freiheit. Just ein dem Moment, als ich ins Wasser springen will, steht alles im einladenden Glanz vor mir.

Der kleine Punkt am Horizont ist fast verschwunden. Ich sehe ihn kaum noch und das was ich höre, ist nur noch ein jämmerlicher Piepser. Nur noch wenige Augenblicke und der Spuk ist vor bei - das Mädchen weg und ich kann mich weiter im Glanz des Hauses weiden. Ich muß nicht hinaus in das kalte Wasser und überhaupt weiß ich nich einmal, ob ich schwimmen kann. Ich hatte es nie versucht. Vielleicht gehe ich unter, bevor ich das kleine Mädchen erreicht habe. Dann hab ich gar nichts gewonnen, nur verloren. So verliere ich nur mein kleines Mädchen und dafür behalte ich aber den Boden unter meine Füßen.

Ich will mich grad drauf einstimmen und mich fürs Haus, den Garten und das Auto entscheiden, da beginnt der Boden unter meinen Füßen zu schwanken. Es gelingt mir nur noch schwer, mich aufrecht zu halten. Warum schwankt der Boden unter meinen Füßen? Steht der Glanz doch nicht auf einem festen Untergrund? Und mit jedem Schwanken erkenne ich die wahre Grundlage, auf der ich zu stehen glaube. Ein Ponton - lieblos im Wasser verankert. Der nächste Sturm könnte den Ponton von der Verankerung reißen und auf das Wasser ziellos treiben lassen. Hier gibt es kein Segel, was ich nach dem Wind ausrichten könnte, also werde ich auch hiermit irgendwann einfach nur treiben.

Mein Kopf ist mit der Frage, bleiben oder springen fast überlastet. Als ich springe, ist mir schwarz vor Augen. Das kalte Wasser schlägt über den Kopf zusammen und läßt mich mühsam nach Luft schnappen. Doch ich komme wieder an die Oberfläche und mache meine ersten hilfloisen Schwimmversuche, aber es klappt. Ich kann schwimmen und nehme Kurs auf das Mädchen “Ich kommen zu dir” rufe ich meinem kleinen Mädchen zu…..