Bergwerke der Neuzeit

Vor ein paar Tagen erwähnte ich in einem Kommentar Günter Wallraff. Er kam mir nach Jahren wieder in meine Erinnerung zurück. Dabei ging es um die autoritäre Macht einer hohen Führungskraft.

Günter Wallraff legte und räkelte sich respektlos auf dem heiligsten Möbelstück so einer Führungskraft – dem Schreibtisch.  Je höher eine Chefperson in der Hirachie steht, je größer und massiver ist sein Schreibtisch. Und der, auf dem Günter Wallraff sich anmaßend räckelte, war massiv, groß und breit – sehr breit. Der Schreibtisch sorgt für ausreichend Distanz zu den Mitarbeiter.  Und grade auf so ein Paradestück legte Wallraff sich frecht rauf und das bliebt nicht ohne Folgen. Das was geschehen, sprach sich schnell unter den Mitarbeitern rum und das wieder blieb nicht ohne Folgen für den hochrangigen Chef.  Sein hohen Ansehen in der Firma sank augenblicklich.

Diese Vorführung der oben angesiegelten Chefs fand ich von Wallraff sehr mutig und bleib deshalb bis heut in meinem Gedächnis erhalten.

Der kleine Mitarbeiter legt und räckelt sich viel zu selten auf den Schreibtischen von überkandiedelten Chefs und Führungskräften.

Heut traf ich beim Surfen auf die Schlagzeile

“Günter Wallraff kehrt zurück” 

“Was hat er denn wieder ausgeheckt?” ich freue mich, wieder von ihm ein Lebenszeichen und seinen Aktionen zu finden. Diesmal arbeitet er als Undercover in Callcentern.

Das Ergebnis seiner Recherche:

“Es scheint, als seien Callcenter die Bergwerke der Neuzeit”

Vor Jahren arbeitete ich auch in einem Callcenter. Als ich mich vorstellte, sah mich die Kollegin, die das kurze Vorstellungsgespräch mit mir führte gar nicht an. Das fand ich sehr merkwürdig. Doch wollte ich mich von dieser unpersönlichen Geste nicht gleich abschrecken lassen.

Dann fand ich in einem Raum mit vielen Tischen und jeweils 3- 4 Telefonen ausgestattet. Es war Spitzenzeit und die Raum voller Menschen und Gespräche. Geplapper von allen Seiten.

“Was wird verkauft?”

“Lottospiele”

Wir erhielten das Verkaufsgespräch als einen vorbereiteten Text, den wir dem Kunden am Telefon vorlesen sollten. Wer Glück hatte, bekam von dem Angerufenen die Kontodaten für den Glückstip. Es dauertet nicht lange, bis die inneren Skrupel mich auszuhöhlen versuchten. 

Als der Chef mich von hinten angesprang wegen der Ausfallzeit von 2 Minuten ermahnte – ich sprach auf dem Rückweg von der Toilette zu meinem Arbeitsplatz mit zwei Mitarbeiter sprach “Na, wie läuft es bei euch?” – hatte ich das Gefühl, es setzt sich ein blutsaugendes Insekt in meinen Nacken. Der Stundenvertrag, den ich mit der Firma hatte erlaubte mir, von heute auf jetzt zu kündigen und ich machte davon ich Gebrauch.

Um das Gefühl eines blutsaugenden Insektes im Nacken los zu werden brauchte ich wesentlich länger.

Was Günter Wallraff in den Callcentern erlebt und beschrieben hat, kann ich voll unterschreiben. So läuft der Laden der großen Lottoverkaufsschmiede – immer drauf mit dem Hammer – auf die “Kunden” und auf die Mitarbeiter.

Ich frage mich immer wieder, warum die Menschen - längst aufgeklärte Menschen – dies immer wieder mitmachen?????

Warum geben wir Ausbeutern immer wieder eine neue Chance, uns auszubeuten?

Warum stürmen wir nicht die Büros der hochrangigen und geldgierigen Führungskräfte um uns mit unseren nackten Ärschen auf ihrem Statussybol –  dem ach so geheiligten Schreibtisch – zu räckeln ? Mean 

4 Antworten

  1. Warum? Die Frage würde ich gerne an Franz Müntefering in seiner Funktion als Arbeitsminister weiterreichen …

  2. Hallo Romanmoeller,

    der Verkauf über Callcenter stellt einen großen Wirtschaftsfrage dar und ? So lautet die wirtschaftliche Erkenntnis – Callcenter schaffen neue Arbeitsplätze. Da zieht sogar das Arbeitsamt mit und sperrt Verweigerer – wenn sie sich nichts auf unseriöse Verkaufspraktiken einlassen will – das nächste Arbeitslosengeld.

    Das scheint sich auf dem Wirtschaftsmarkt ein weiter tiefer Sumpf aufzubauen. Auf Einzelschicksale (900.000 Mitarbeiter) kann keine Rücksicht genommen werden. :-) .

    Aber der einfache Mensch an sich – warum macht er das wieder und wieder mit. Im ihm scheint ein Lamm zu schlummern, das für immer schweigt.
    Etwas mehr revolutionären Geist wäre sicher angebracht, aber der tritt nur partiell auf und das können sie sich zu jeder Zeit zu Nutze machen.

    Dir noch einen schönen Sonntag

    Gruß Nordstrahl

  3. blogge gerade aus dem innenleben eines cold-call callcenters:
    http://callcenteragent.blogger.de

  4. Hallo Callcenter Agent,

    ich danke dir – jetzt kann ich das Innenleben eines Callcenter Dank deines Blogs weiter verfolgen. Jedoch kann ich die Feeds deines Blogs nicht nutzen , bzw, auch nicht kommentieren – dein Blog verlangt nach einer Anmeldung- deshalb übernehme ich deinen Blog in meiner Blogroll- Liste

    Ich werde auf jeden Fall schauen, wie es bei dir weiter geht.

    Gruß Nordstrahl

Einen Kommentar schreiben