Juni 9, 2007
Schon lange dachte ich nicht mehr an ihn, doch gestern Nacht trat er nach Jahren wieder in meine Erinnerung. Es liegt schon lange zurück, sehr lange zurück. Er bekam einen neuen Job - heut würde man Sozialarbeiter sagen. Ja auch in DDR-Zeiten gab es Familien, die mit den Leben nicht zurechtkamen. Sie wußten einfach nicht oder wollten es auch nicht wissen, wo es lang geht. Da wollte er helfen, ihnen helfen und trat seinen Dienst mit sehr viel Elan an.
Nach 12 Monate Dienst traf ich ihn wieder. Er erzählte mir von seinem Job als Sozialarbeiter. Aus seiner nun veränderten Sicht gab es jetzt nicht nur ein paar Familien, die Hilfe brauchten, sondern meine Stadt war von “hilfebedürtigen” Familien überschwemmt und er sah nur noch Verwahrlosung um sich herum. Ich trat wegen der Übermacht seiner düsteren Informationen einige Schritte zurück, brachte mich damit auf eine sichere Distanz. Ich befürchtete einfach, dass er mich in seine Düsternis für Tage hineinzog und mir damit die klare Sicht auf den Rest der Welt nahm.
So wie ich damals auf Distanz ging, so tue ich es heut auch, wenn es um die Medienschlacht rund um den G8-Gipfel geht. Das hält der Mensch im Kopf nicht aus. Nachdem ich die ersten Senstatiionsberichte noch konsumieren konnte, schaffte ich es später nicht mehr über die Schlagzeilen und seit gestern spüre ich eine Art allergischen Reiz, wenn ich Schlagzeilen lese, die mir im Grunde klar machen sollen, dass eigendlich die Polizei die Verbrecher der Nation sind. Sie hätten den schwarzen Block mit unlauteren Absichten durchsetzt und zur Gewalt aufgerufen. Und und und und … die Beweisführungen überschlagen sich. Jeder Berichterstatter will mir damit sagen “Siehst du? Ich habe doch recht gehabt. Die Polizisten sind die wahren Verbrecher der Nation”
Doch bevor aus der allergischen Reaktion eine chronische Allergei wird, ziehe ich mich lieber aus dem aufklärenden und hystersichen Informationsdrang der Medien zurück. Ich kann und will auch nichts mehr hören und lesen und suche nach objetiven Berichten, die mir einen klaren Überblick über das Gesamtgeschehen und über das Für und Wider zum Geschehen rund um den G8-Gipfel verschaffen.
Und siehe da, es geht wieder. Ich kann wieder nah an das Thema ran, hab nicht mehr das Gefühl, dass mir jemand eine überlautstarke Schlagzeile ins Gesicht brüllt oder hammerhart um die Ohren schlägt. Und was noch viel wichtiger ist, ich trau mich immer noch, wenn es eine Situation verlangt, angstfrei nach der Polizei zu rufen.